Sonntag, 24. August 2014

Faszination Fussball-Fan oder: Wie sehen Beziehungen zwischen Fans und Spielern heute wirklich aus?

#abseitsdesplatzes

Ein Fan ist ein Mensch, der längerfristig eine leidenschaftliche Beziehung zu einem für ihn externen, öffentlichen, entweder personalen, kollektiven, gegenständlichen, abstrakten oder sportlichen Fanobjekt hat und in die emotionale Beziehung zu diesem Objekt Ressourcen wie Zeit und/oder Geld investiert.“
- Wikipedia

In einer Stadt mit einem Verein geboren zu sein, seit klein auf mit diesem Verein aufwachsen und wissen wo man hingehört, ist in meinen Augen ein riesiges Vorrecht. 
Ich kann nur für mich sprechen und möchte kurz etwas dazu erläutern: ich bin z.b. in einem Dorf aufgewachsen, da gab‘s nichtmal einen richtigen Verein, es gab keine regelmäßigen Spiele, gar nichts. Das einzige was mich zum Fussball gebracht hat, war mein Bruder und die Herkunft meiner Mama. Wien. Da gab es sie, die Vereine. Ich persönlich bin, auch wenn das vielen jetzt nicht gefallen wird, mit Rapid Wien aufgewachsen. Ich hatte keine Ahnung wie die Spieler heißen, wo wir in der Tabelle stehen oder sonstiges. Mein großer Bruder war schon immer mein Vorbild, und wenn er Rapid anfeuerte, dann war logisch, dass ich das auch tat. Mein Bruder mochte diesen Verein, mehr brauchte ich nicht zu wissen. Grün und Weiß ein Leben lang. Zu diesem Verein stehe ich auch heute noch. Es ist mein Kindheitsverein, obwohl ich keinen lokalen Bezug dazu habe, wie jemand der seinen Verein in derselben Stadt hat. Doch ich wurde älter und begann mich mit Fussball auseinanderzusetzen. Mein Interesse an Fussball, an der Technik, an Taktiken, an anderen Vereinen wuchs. Ich wollte über den Tellerrand schauen. Österreich ist nunmal keine Fussballnation, das ist allgemein bekannt. Und dann kam ich sozusagen durch Bastian Schweinsteiger zum FC Bayern. 

Wann darf man sich überhaupt als Fan bezeichnen?

Ist es schlimm, wenn man einen Klub unterstützt zu dem man eigentlich gar keinen Bezug hat? Darf man sich dann überhaupt Fan nennen? Oder dürfen das nur die, die Kontakt zu ihren Spielern, zum Verein haben? 

Meiner Meinung nach ist das, was einen Fan ausmacht die ehrliche Begeisterung für den Verein. Unabhängig von lokaler Distanz. Für mich ist jemand auch ein Fan, wenn er aufgrund seiner Wohnlage nicht seit Jahren ins Stadion geht, aber die Spiele und das Geschehen rund um seinen Verein aus der Ferne verfolgt. 

Ist man denn nur ein guter Fan wenn man seit zehn Jahren Mitglied ist und jedes Spiel besucht? Es kann auch jemand Mitglied sein und regelmäßig ins Stadion gehen, der nicht mit vollem Herzen bei der Sache ist und bei der ersten Niederlage anfängt „Trainer raus“ zu rufen.. 

Damit kommen wir zum nächsten Punkt: die Treue, auch bei Niederlagen und in schlechten Zeiten zu seinem Team zu stehen. Wenn ich zu jemandem sage „Ich freue mich auf die neue Saison und bin gespannt wie die Bayern sich heuer schlagen!“ und bekomme dann zur Antwort: „Ja, ich hoffe wir holen wieder das Triple!“ wird mir schlecht, ganz ehrlich. DAS sind in meinen Augen dann - obwohl ich diesen Begriff nicht unbedingt leiden kann - Erfolgsfans.
Die Spieler, Trainer und Betreuer sind auch nur Menschen. Man kann nicht erwarten, weil man einmal eine wirklich überragende Saison hatte, dass das nun zur Selbstverständlichkeit wird. Das erwarte ich als Bayernfan auf keinen Fall. Ich freue mich über Erfolge, ja natürlich sind Niederlagen nicht schön sondern ärgerlich. Doch mein Motto ist: Kopf hoch, nach vorne sehen und besser machen! Was bringt es mir als Fan auf Spieler oder Trainer einzuschimpfen? Natürlich bin ich nicht begeistert, wenn sie keine gute Leistung bringen und ich möchte dazu auch offen Kritik äußern dürfen. Aber von Hetze ohne jegliche Argumentation oder Beleidigungen halte ich rein gar nichts. 

Falsche Richtung!

Etwas das ich auch wirklich schade finde, ist die Richtung in die sich das „Fan-Sein“ entwickelt. Ich habe das Gefühl es geht immer mehr darum den Gegner bzw. die gegnerischen Fans niederzumachen, anstatt den eigenen  Verein zu supporten. Ich war eine zeitlang auf Facebook in einer Bayern-Gruppe. Und fand es wirklich schade immer mehr Beleidigungen anderer Vereine lesen zu müssen, anstatt Beiträgen, die sich auf den eigenen Verein beziehen. Man ist in meinen Augen kein guter Fan, wenn man andere Mannschaften bzw. Vereine niedermacht. Ja, das machen so ziemlich alle und genau das ist das Traurige! Die Fankultur verkommt immer mehr, weil man sich immer mehr gegenseitig fertig macht. Aber darum geht‘s doch im Fussball gar nicht, oder? Ein Fan sollte für seinen Verein fanatisch sein, wie der Name schon sagt, und sich nicht damit beschäftigten über andere Fans zu spotten. Ich schätze einen Fan viel höher ein, wenn er andere Vereine und die Vereinsliebe derer Fans akzeptiert und vor allem respektiert. DAS ist in meinen Augen ein echter Fan! Frotzeleien und Neckereien wird es immer geben und wenn man weiß, dass das nicht so ernst gemeint ist, ist das ja auch okay. Aber da sollte man auf dem Boden bleiben. Es geht um deine Mannschaft und nicht um eine andere!

Aber leider ist das die Entwicklung der Menschheit. Immer zuerst bei anderen kritisieren anstatt vor der eigenen Haustür zu kehren. Es ist im Bezug zu Spielern ja oft genau dasselbe. Ich habe da zwei Beispiele, die ich unbedingt loswerden muss.

Die Bayern und Toni Kroos.

In der Bayerngruppe auf Facebook konnte ich nach den Transfers von Kroos und Mandzukic häufig Lobeshymnen auf Mandzu und Hasstiraden auf Kroos lesen. Was ich persönlich überhaupt nicht verstehe. Kroos hat in meinen Augen alles richtig gemacht. Sein erster Ansprechpartner war der FC Bayern München, er hat in der Presse nie anklingen lassen, dass er wechseln möchte, solange die Verhandlungen liefen. Die Verhandlungen scheiterten - soweit ich das beurteilen kann, zurecht. Viele meinen Kroos hätte sich verspekuliert. Aber mal ehrlich: 4,5 Mio.€ Gehalt. Viele werden jetzt sagen „Ich wäre froh, wenn ich das hätte“. Aber im direkten Vergleich zu Vereinskollegen war das ein Gehalt im unteren Drittel des Kaders. Kroos verdiente die Hälfte wie zum Beispiel Götze oder Thiago und brachte seine Leistungen letzte Saison, meiner Meinung nach, genau wie die beiden Neuzugänge. Und durch diese beiden wird auch das Argument Alters-Gehalt-Strategie sofort widerlegt. Dann dürften diese beiden auch nicht mehr verdienen als ein Lahm und ein Schweinsteiger. Meine Kritik liegt da eher bei den Verantwortlichen des FCB, keinesfalls bei Kroos aber das ist meine subjektive Ansicht bzw. einfach eine andere Geschichte. Gut, nach dem Scheitern der Vertragsverhandlungen wurde rasch klar, dass er zu Real will und das wurde ja auch sehr bald nach der WM offiziell bestätigt. Nun kamen die Bayernfans, die meinten Kroos wäre sowieso nur ein Klotz am Bein und geldgierig usw. Ein Mandzu hätte das Wappen des FCB geküsst und wäre ein „echter Roter“, Kroos hingegen schon fast ein Verräter.

Das kam von Bayernfans, die sich nach dem Wechsel von Götze über BVB-Fans aufgeregt und lustig gemacht haben, weil die Götze als Verräter und Judas bezeichnet hatten. Keine Spur besser!

Meine persönliche Meinung: Man kann nicht von jedem Spieler der - zum Beispiel - zum FC Bayern kommt, verlangen, dass er sich 101% mit diesem Verein identifiziert! Klar ist Bayern einer der größten und erfolgreichsten Vereine, aber das kann für Viele einfach auch nur eine Station auf ihrem Karriere-Weg sein um Erfahrungen zu sammeln. So wie es für einen Toni Kroos dasselbe war. Und dafür muss sich in meinen Augen niemand rechtfertigen, solange er seine Aufgabe erfüllt. Wieso wirft man einem Spieler so etwas vor? Kroos hat immer alles für den Verein und die Mannschaft gegeben. Er war häufig im Hintergrund und kaum zu sehen, doch trotzdem gab er der Mannschaft Sicherheit. Er war sehr wohl wichtig für die Mannschaft und hat seinen Beitrag zum Triple geleistet, auch wenn das viele verneinen und sofort nach dem Wechsel ihre boshaften Kommentare loslassen. Fehler machen "echte Münchner", die sich mit dem Verein sehr wohl identifizieren (so wie ein Lahm und Schweinsteiger) auch. Aber bei diesen Spielern würde es nie ein solches Gerede geben, da bin ich mir sicher. Soviel nocheinmal zur Fairness.. 

Es war seine Entscheidung zu Real Madrid zu gehen, warum kann nur er beantworten. Ich hasse es jemanden als geldgierig zu bezeichnen, wenn man keine Ahnung hat was in diesem Menschen vorgeht und was ihn zu seiner Entscheidung bewogen hat. Auch auf der PK bei seinem neuen Klub hat er sich bei seinem ehemaligen Verein bedankt und nie ein schlechtes Wort über den FC Bayern fallen gelassen. Auch wenn man enttäuscht ist über einen solchen Wechsel oder andersrum: froh ist, weil man diesen Spieler nie mochte, muss man ihn so behandeln? Muss man öffentlich solche „Kritik“ üben und alles, was er geleistet hat unter den Tisch fallen lassen? Dass man sowas denkt, ist meiner Meinung nach schon schlimm genug. 

Ich hasse dieses Verurteilen, das viele Fans schnell machen, weil es ja so einfach geht. Im Berufsleben würde jeder Verständnis dafür zeigen, wenn jemand in einen anderen Betrieb wechselt mit besseren Chancen und womöglich mehr Gehalt. Und für die Profifussballer ist die Leidenschaft der Fans - der Fussball - eben auch ihr Beruf. Ein Beruf, an dem Tausende und sogar Millionen Menschen ihren Senf dazugeben können. Spieler müssen sich für ihre Entscheidungen keinesfalls bei den Fans rechtfertigen, finde ich. Solange jedenfalls nicht, solange alles in fairer Art und Weise vonstattengeht. 

Die Schalker und Manuel Neuer. 

Ein zweites Beispiel: Er ist in Gelsenkirchen aufgewachsen, hat alle Jugendmannschaften von Schalke durchlaufen, kam in die erste Mannschaft, wurde Kapitän und hat seinem Verein geholfen und starke Leistungen gezeigt. Manuel Neuer. 
Dann kündigte er 2011 in einer Pressekonferenz an, er wird seinen Vertrag auf Schalke nicht verlängern. Der Abschied ging ihm augenscheinlich sehr nahe. Viele fragen sich, wieso verlässt er Schalke dann? Er ist Deutschland‘s Nummer Eins. Ich kann verstehen, dass er einen Blick über den Tellerrand erhaschen und international regelmäßig um Titel mitspielen wollte. Das ist der Profifussball nunmal und auf seinem Niveau war und ist das auch durchaus berechtigt. 
So, was kam jetzt? Im nächsten Spiel wurde er von den eigenen Fans ausgepfiffen und als Verräter und Judas beschimpft. Die 20 Jahre, die er für königsblau gekämpft hatte, alles was er geleistet hatte - ein Nichts. Das sahen die Fans in ihrem Frust und ihrer Enttäuschung nicht. Soetwas finde ich einfach nur traurig! Wo bleibt da die Fairness, die im Fussball doch angeblich so großgeschrieben wird? Einem Menschen den Respekt zu verwehren, den er verdient hat. Fussballer sind auch nur Menschen. 


Spieler müssen sich vor den Fans nicht rechtfertigen.

Man kann leicht sagen, „Wenn ich das wäre, hätte ich das ganz anders gemacht! Ich wäre für immer dort geblieben!“ Das kannst du nicht sagen.. weil du nicht weißt, was bei diesen Menschen im Hintergrund abläuft. Wenn du alles durchlebt hast, was er durchlebte und den Einflüssen ausgesetzt bist, die ihn beeinflusst haben. Wenn du sein Umfeld und seine Erfahrungen kennst und vor dieselbe Entscheidung gestellt wirst: erst dann kannst du beweisen, dass du‘s anders machen würdest! 

Wir haben kein Recht diese Menschen zu verurteilen für ihre Entscheidungen! Und das wird heutzutage leider gerne getan, was ich unmöglich finde. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Entwicklung bald wieder in eine positivere Richtung wenden wird. Fussball ist ein Sport voller Emotionen, das ist klar. Jedoch wäre es manchmal sicher nicht schlecht, seine Emotionen ein wenig einzubremsen. Fussball ist ein toller Sport, der verbindet. Wir sollten uns, meiner Meinung nach, den Grundgedanken vom Fairplay öfter ins Gedächtnis rufen und uns wieder mehr auf das konzentrieren was wirklich zählt: der Sport, das Geschehen auf dem Platz. :)



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